Als ich klein war, sagte meine Mutter: „Sitz gerade, iss anständig und mach dich nicht schmutzig.“ Ich beschloss, so schnell wie möglich größer zu werden, um den mütterlichen Ermahnungen zu entgehen. Als ich ein Teenager war, sagte meine Mutter: „Der Rock ist zu kurz, der Lidschatten ist unmöglich, und halte dich fern von den bösen Jungs.“ Ich beschloss, so schnell wie möglich erwachsen zu werden, um endlich mein eigenes Ding zu machen.

Jetzt bin ich erwachsen. Yippie. Ich mache mein eigenes Ding. Toll. Nur das Problem mit den Ermahnungen, das ist leider immer noch nicht gelöst. Wenn meine Mutter anruft, muss ich stark sein. „Schläfst du auch genug? Isst du auch was Anständiges?“ Dann schnippe ich ein paar Chipskrümel von meinem viel zu kurzen Rock, gähne verstohlen, weil die Nacht nicht nur zum Schlafen da ist, und sage: „Ja, Mama.“

Aber es wird noch mehr erörtert. Ob ich den richtigen Mann habe, den passenden Job, das goldene Händchen für Topfpflanzen, Kochrezepte und einen gediegenen Freundeskreis. Ich schätze mal, solche Telefongespräche führen Millionen von erwachsenen Menschen. Sie heiraten, richten ihre Wohnungen ein, erledigen ihre Arbeit, ziehen Kinder groß. Aber wenn Mama anruft, sind sie wieder fünfeinhalb. Denn Mütter wissen ganz genau, was richtig ist. Außerdem meinen sie es gut: Ist ja nur zu unserem Besten! Ist es das?

Ich liebe meine Mutter. An ihre besorgten telefonischen Ratschläge habe ich mich gewöhnt. Doch es gibt den Ernstfall: dann, wenn sie zu Besuch kommt. Mama-Alarm! Plötzlich sehe ich meine Wohnung mit ganz anderen Augen. Die verkramte Ecke im Schlafzimmer zum Beispiel. Da, wo sich T-Shirts, Handtaschen und Alltagskrempel gute Nacht sagen. Oder das Fach im Küchenschrank, in dem sich Kabel, Kerzen und angebrochene Kekspackungen übereinander türmen.

Nein, ich bin kein Messie. Aber mit den Augen meiner Mutter betrachtet, verwandelt sich meine Wohnung in eine einzige Baustelle. Sie sieht alles. Wirklich alles. Das millimeterkleine Staubflöckchen ganz oben auf dem Bücherregal. Die McDonald’s-Tüte im Müll. Die dunkle Stelle im Teppichboden, wo meine kleine Tochter mit Brombeermarmelade experimentiert hat. Womit wir wieder bei ihrem Lieblingsthema wären: Erziehung!

Das ging schon los, als meine Tochter noch in den Windeln lag. „Findest du nicht, sie müsste längst trocken sein?“ Weiter ging’s: „Spätestens mit vier Jahren sollte ein Kind stillsitzen können.“ Kein Ende in Sicht: „Also, zu meiner Zeit …“

Ja, Mama. Ich weiß, Mama. Dummerweise kann ich es dir nicht recht machen. Nie. Denn du willst, dass mein Leben perfekt ist. Aber ich habe festgestellt, dass das perfekte Leben eine Illusion ist. Dass verkramte Ecken und Männer mit Macken und marmeladenfingrige Kinderhände zum Leben dazugehören. Ich habe mich dran gewöhnt. Eigentlich finde ich es sogar ganz prima. Ich versuche, es leicht zu nehmen. So wie Mütter mit Kontrollblick, bei denen man immer fünfeinhalb bleibt.

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