Warum wir mit zunehmendem Alter mutiger werden dürfen.

Alt werden will jeder. Aber alt sein? Irgendwie dann doch nicht. Kein Wunder: Alt sein, das klingt nach Kaffeefahrten, Rheumadecken und kläglicher Niederlage im ewigen Kampf gegen Falten und Pfunde. Du bist alt, wenn wildfremde Leute für dich im Bus aufstehen. Wenn deine Kinder einen Demenztest empfehlen. Wenn dein Lover eine Familienpackung Knoblauchpillen zum Geburtstag überreicht statt Parfum und heißer Dessous.

Es könnte aber auch alles ganz anders sein. Klar, wir fürchten uns vor den Schrecken des Alters. Aber warum freuen wir uns eigentlich nicht darauf, dass wir irgendwann auf alles pfeifen dürfen, was man uns vorschreiben will? Es ist doch so: Ein Leben lang müssen wir uns mit Erwartungen auseinandersetzen. Erst sind die Eltern dran, dann Lehrer, Chefs, Kollegen, Nachbarn und so fort: Tu dies, lass das. Pass dich gefälligst an! Wir versuchen natürlich trotzdem, unser eigenes Ding zu machen. Aber so richtig frei fühlen wir uns selten.
Neulich sah ich beim Einkaufen eine alte Dame, die keine sein wollte. Vergnügt stand sie an der Käsetheke, in einem giftgrünen Kleid, zu dem sie Sneakers und Basecap trug. Verwirrt? Oder einfach mutig? Nun ja, verwirrt war sie nicht, wie sich herausstellte. Das Handy lässig ans Ohr gepresst, erzählte sie mit gedämpfter Stimme von ihrem Urlaub an der Ostsee. Glasklar. Und bestens gelaunt. Die erstaunten Blicke ringsum ignorierte sie.

Plötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz: Aha, so ist das also, wenn man sich nicht mehr anpassen muss! Nicht, dass ich unbedingt scharf darauf bin, giftgrüne Kleider mit Sneakers und Basecap zu tragen. Aber das umwerfende Selbstbewusstsein dieser betagten Dame, das fand ich bemerkenswert. Offensichtlich wollte sie nicht mehr das sein, was andere von ihr erwarteten. Wozu auch? Irgendwann hat sich das Thema nämlich erledigt. Dann zerren weder Eltern, Lehrer, Kollegen, Nachbarn noch sonst wer an uns rum. Dann haben wir ein paar gute Freunde – hoffentlich! –, die uns so nehmen, wie wir wirklich sind. Vielleicht sogar so, wie wir in unseren kühnsten Träumen immer sein wollten.

Oder kommt mit der Rente der große Katzenjammer? Ist dann alles vorbei? Als ich ein Teenager war, hielt ich Leute über dreißig für uralt. Als ich dreißig wurde, wunderte ich mich, dass ich mich oft noch wie ein Teenager fühlte. Und als die vierzig näher rückten, kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus: Ich hatte immer noch Herzklopfen vor dem ersten Date, wusste immer noch nicht, was ich zur nächsten Party anziehen sollte, und hatte das Gefühl, das Leben gehe gerade erst los. Gut möglich, dass das mit siebzig noch genauso so sein wird. Mit der angenehmen Nebenwirkung, dass ich dann meine Narrenfreiheit genießen kann. Alte Leute dürfen mit Nachsicht rechnen. Sie sind eben etwas anders als die anderen und dürfen ruhig ein bisschen schrullig drauf sein. Keine Erwartungen von außen mehr, dafür das Ticket in die Freiheit. Wer weiß, vielleicht marschiere ich dereinst doch noch im giftgrünen Kleid zum Supermarkt, inklusive Sneakers und Basecap. Warum? Weil ich dann vielleicht Lust drauf habe. Und den Mut, es auch zu tun.

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