Ins Grüne? Soll das ein Witz sein? Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir nachgedunkeltes Weiß und depritrübes Grau, die schöne Farbe Grün hingegen fehlt auf der Palette. Na, dann doch besser ab auf die Couch. Herrlich. Es gibt wohl keine genialere Ausrede für hemmungsloses Abhängen daheim als schlechtes Wetter. Wer will schon durch Matsch waten und sich den Po abfrieren in einem Frühling, der keiner ist? Dann lieber chillen, in warme Decken gehüllt, mit heißem Tee in Griffweite, und Romane durchschmökern bis zum Pupillenstillstand. Oder?

Najaaa. Irgendwer hat mal gesagt, es gebe kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Muss einer dieser kälteresistenten Überlebenskünstler gewesen sein, die beim Sylter Silvesterbaden „Hurra!“ brüllen, nach der Sauna nackt durch den Schnee springen und Antarktis-Expeditionen einem Strandurlaub auf Honolulu vorziehen. Viel Spaß. So heldenhaft bin ich nicht. Okay, ein winzig kleiner Spaziergang wäre vielleicht vorstellbar, in dicken Stiefeln, rustikalen Fausthandschuhen und einem kuscheligen Strickschal bis Unterkante Oberlippe. Mehr ist nicht drin, sorry.

Doch bald beginnt sie wieder, die Draußenzeit, pardon, Outdoorsaison. So heißt das nämlich neuerdings, weil clevere Marketingstrategen die Sehnsucht nach frischem Wind um die Nase entdeckt – und den Wunsch nach der perfekten Ausrüstung geweckt haben. Noch ein bisschen Denglisch drüberkippen, fertig ist der Trend.

Sogar das gute alte Spazierengehen hat jetzt einen Designernamen: „walken“. Das funktioniert angeblich nicht ohne abrolloptimiertes Spezialschuhwerk, scheuerarme Socken und atmungsaktive Kleidung. Behaupten Outdoorexperten. Auch ein Schrittzähler sei unverzichtbar, dazu ein vitaminierter Power-Matcha-Müsliriegel sowie eine ergonomisch geformte Gürteltasche. Ach was, warum nicht gleich ein Trinkgürtel mit wohlgefüllten Fläschchen gegen Durst und Mineralienverlust? Der letzte Schrei sind übrigens Stirnlampen, äh, Headlights, damit man auch nach Sonnenuntergang unfallfrei walken kann. Merke: Nur lachhafte Amateure marschieren einfach los.

Und das ist erst der Anfang. Für jede erdenkliche Sportart gibt es mittlerweile mehr Equipment als für einen Flug zum Mond. Woher ich das weiß? Nun, es ist ungefähr ein Jahr her, dass ich für „Manche mögen’s steil“ recherchierte. In dem Roman muss Heldin Vicky eine Firmenreise inklusive Klettertraining in den Alpen absolvieren. Der Super-Gau für die Großstadtpflanze. Vicky ist ein digitaler Nerd, liebt klimatisierte Luft und hat jede Menge Facebookfreunde, aber keinen Schimmer vom wahren Leben. So nach dem Motto: Versuch mal, ihr das Handy wegzunehmen, und sie schreit los, als wolltest du ihr den Arm amputieren. Ohne Betäubung. Da Vicky aber Perfektionistin ist, sucht sie vor der Kletterreise einen Outdoorshop auf. Da geht’s dann richtig ab: Chalkbag, Herzfrequenzmesser, Bulletproof Screw Karabiner, Klemmkeile, Nut Keys, Friends, Steigschlingen, Rope Bag, … Wer jetzt nur die Hälfte verstanden hat, dem geht’s wie mir, als ich mich das erste Mal in so einen Laden wagte: keine Peilung. Und Vicky? Zunächst lässt sie sich durch ein Sahneschnittchen von Verkäufer „beraten“, danach shoppt sie sich um Kopf und Kragen.

Wie der Irrwitz ausgeht und ob sie das Abenteuer überlebt, ohne Netz, also ohne Handynetz, könnt ihr bei Gelegenheit gern nachlesen, wenn ihr mögt. Jedenfalls habe ich was draus gelernt: Ja, für extreme Sportarten braucht man Profi-Equipment. Für den unspektakulären Rest sollte man auf dem Teppich beziehungsweise auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Ich meine, klar, Laufen, äh, Joggen macht erst in einem ultramodischen Jogginganzug richtig Spaß, und Fahrradfahren, äh, Biken fühlt sich nur in einer megasexy Radlerhose so richtig cool an. Selbst der Aerobic-Hype der Achtziger wäre kaum aufgepoppt ohne die schreibunten hautengen Dinger, in denen sogar spindeldürre Frauen aussahen wie Tamara, die tanzende Fleischwurst. Wir lieben eben diesen hippen Firlefanz, der uns eine supersportliche Note verleiht. Aaaaber. Genau, jetzt kommt das Aber: Brauchen wir das ganze Zeugs überhaupt? Müssen wir wirklich jeden neuen heißen Scheiß mitmachen?

Ganz ehrlich, auch ich habe schon ein kleines Vermögen ausgegeben für schicke Sportoutfits, wildgemusterte Sneakers, überteuerte Eiweiß-Drinks und Mitgliedschaften in angesagten Fitnessstudios, wo ich nach der Vertragsunterzeichnung nie wieder gesichtet wurde. Weil ich mich dadurch irgendwie besser fühlte. Vielleicht auch, weil ich dachte, ich könnte mein schlechtes Gewissen durch irgendwelche Zahlungen beruhigen. Oder weil ich allen Ernstes hoffte, dass ich Gewicht verliere, wenn ich abends mit einer knallengen Pilatesleggins auf der Couch rumsitze. Dolle Sache. Und voll daneben. Über das vielversprechende EMS-Workout, bei dem man kribbelnde Stromstöße verpasst bekommt, schweige ich vorsichtshalber. Zu peinlich. Vor kurzem habe ich mich immerhin zur Vertragskündigung durchgerungen. Vermisst hat mich keiner, ich war zu selten da.

Mein Rat: Lasst euch bloß nichts aufschwatzen – weder exotische Leibesertüchtigungen noch modischen Funktionskrempel. Sofern ihr nicht in Flipflops auf die Berge steigen wollt, könnt ihr euch entspannen. Warum? Viel wichtiger als teures Equipment für komplizierte Sportarten, die man dann doch nie durchhält, ist folgende Erkenntnis: Schon eine halbe Stunde Spazierengehen – Ärzte empfehlen es fünfmal die Woche – bringt nahezu atemberaubende gesundheitliche Effekte. Soll ich mal loslegen? Bitte sehr: Stärkung des Immunsystems, Stressabbau, deutliche Verbesserung der Herzfunktion, Linderung von Rückenschmerzen, Vorbeugung gegen Heißhungerattacken, Anregung des Stoffwechsels (ja, genau, beides hilft bei üppigem Hüftgold), Halbierung des Alzheimer-Risikos, stark verminderte Osteoporose-Gefahr durch Vitamin-D-Bildung (auch bei schlechtem Wetter!). Ach ja, außerdem Glückshormone ohne Ende.

Was für eine Hammerliste! Und das Beste ist: Man muss einfach nur losgehen. (Schön, wer unbedingt „walken“ will, kann das natürlich tun.) Also, Ladys – wie wär’s? Gerade für stressgeplagte Großstadtpflanzen ist das ein Mega-Training. Weil’s nix kostet, in den hektischsten Alltag passt (zum Beispiel in die Mittagspause, statt Burger & Co.), weil es ein gutes Gefühl, äh, Feeling gibt, echt gesund ist und ganz ohne Outdoor-Accessoires auskommt. Man muss es nicht mal üben. Und falls man ein paar Tage aussetzt, läuft’s immer noch wie von selbst. Wie toll ist das denn?

So, ich muss jetzt Schluss machen. Die nächste halbe Stunde bin ich nicht erreichbar. Ihr wisst, wo ihr mich findet. Outdoor? Nein, draußen. In dicken Stiefeln, rustikalen Fausthandschuhen und einem kuscheligen Strickschal bis Unterkante Oberlippe.

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